Ich dachte, das sei normal – Unser Weg mit Autismus
Heute ist Welt- Autismustag
Und ich möchte aufmerksam machen, wie unterschiedlich Autismus sein kann. Mein Kind war von Anfang an „anders“ – aber nicht so, wie viele sich Autismus vorstellen.
Er war kontaktfreudig.
Er hat gesprochen. Viel sogar.
Er war neugierig, wach, unglaublich schnell im Denken.
Schon früh fiel auf, wie klug er ist. Zusammenhänge, Sprache, Fragen – vieles war weit über seinem Alter. Unser Bekanntenkreis und Pädagogen machten uns immer wieder darauf aufmerksam.
Ich dachte lange: Das ist doch normal. Das können doch alle.
Für mich war das mein Alltag. Ich habe nicht gesehen, dass sein Denken, sein Wahrnehmen, sein Fühlen anders strukturiert ist. Ja, es gab kleine Eigenheiten. Wie zum Beispiel, dass er sich Straßen sehr gut merkte, und oft schrie wenn ich einen anderen Weg fuhr. Ich habe es aber nicht damit in Verbindung gebracht, dass er die Straße kannte, und deshalb schrie.
Der Bruch kam mit der Schule
Erst mit der Schule hat sich vieles verändert. Plötzlich war da ein System, das nicht zu ihm passte. Strukturen, Erwartungen, Lautstärke, Tempo, soziale Dynamiken.
Und plötzlich war mein fröhliches Kind nicht mehr da. Zurück blieben:
- Überforderung
- Rückzug
- Emotionale Ausbrüche
- Missverständnisse
- Das Gefühl, nicht reinzupassen
Autismus? Immer noch kein Thema für uns! Erst durch meinen tollen und kompetenten Therapeuten, der mich auf einiges aufmerksam machte, dämmerte es mir langsam, dass das tatsächlich zutreffen könnte.
Der Weg zur Diagnose
Der Weg zur Diagnostik war schwer.
Viele Hürden.
Viele Termine.
Viele Zweifel – auch von außen.
„So wirkt er doch gar nicht.“
„Er ist doch so sozial.“
„Vielleicht ist er einfach nur sensibel.“
Aber als Mama wusste ich: Da ist mehr.
Der Weg war nicht nur organisatorisch anstrengend. Er war auch emotional herausfordernd. Zwischen Hoffnung auf Antworten und Angst vor dem, was diese Antworten bedeuten könnten.
Alleine weitergehen
Dann kam die Diagnose: Autismus, in Verbindung mit Hochbegabung.
Ich erinnere mich, als ich das Papier in den Händen hielt und mein einziger Gedanke war: Endlich eine Erklärung! Nach einem kurzen Aufatmen meinerseits, kam aber schon die Ernüchterung. Es gab keine Nachbesprechung, keine klaren Empfehlungen oder umfassende Unterstützung.
Ich musste mir alles selbst aneignen. Informationen suchen. Zusammenhänge verstehen. Strategien entwickeln. Systeme hinterfragen. Es gibt Unterstützung – ja. Aber sie ist nicht immer leicht zugänglich. Nicht immer ausreichend, meist weit entfernt. Und oft muss man wissen, wo man überhaupt anfangen soll.

Autismus ist komplex
Ja, auch ich hatte bestimmte Bilder im Kopf von Autisten. Kinder die nicht oder kaum sprechen, die Stifte nach Farben sortieren und Menschen meiden. Diese Vorurteile in mir haben dazu geführt, dass ich es lange nicht sehen konnte. Nun sehe ich:
Ein Kind, das viel versteht –
aber nicht immer mit der Welt zurechtkommt.
Ein Kind, das logisch denkt –
aber emotional schnell überflutet ist.
Ein Kind, das stark wirkt –
und gleichzeitig sehr verletzlich ist.
Wir mussten lernen, dass beides nebeneinander bestehen darf.
Was ich heute weiß
Autismus ist eine andere Art des Seins. Eine andere Art, die Welt zu erleben. Ein Nervensystem, das intensiver fühlt. Tiefe. Reizintensität. Wahrnehmung, mehr als Worte sagen können. Und dieses „anders“ fordert uns heraus.
Als Gesellschaft.
Als Eltern.
Als Menschen.
Ich werde oft gefragt, ob Autismus Diagnosen nun öfter vorkommen als früher. Nein, das denke ich nicht. Früher war alles generell strukturierter, reizarmer- so fielen Autisten sicherlich weniger auf als jetzt in dieser lauten, reizüberfluteten Welt- die selbst Nicht- Autisten oft an ihre Grenzen bringt. Dazu kommen die Diagnoseverfahren die sich wesentlich gebessert haben. Ich wünsche mir, zu diesem Thema Offenheit, Unterstützungsmöglichkeiten und mehr Platz in der Gesellschaft für das „anders sein“.
So anstrengend es oft ist, so dankbar bin ich, die Welt durch meinen Sohn aus einem ganz anderen Blickwinkel sehen zu dürfen.
Alles Liebe, Isabel
