Wer ist schuld? – Wenn Mitgefühl zu kurz kommt
Wer ist schuld? Es ist etwas, das mir immer wieder auffällt. Egal, was ich lese – noch bevor Mitgefühl Raum bekommt, steht sie schon im Raum: die Schuldfrage.
Gestern ein tödlicher Verkehrsunfall.
Die Kommentare darunter?
„Bestimmt hatte der LKW-Fahrer ein Handy in der Hand.“
Ein Baby stirbt in der 32. Schwangerschaftswoche.
Und sofort wird gefragt:
„Hat die Mama etwas falsch gemacht?“ „War sie zu alt?“
Hier sind MENSCHEN gestorben!
Hier sind Welten zerbrochen!
Und das ist das erste das uns dazu einfällt? Wer könnte Schuld sein?
Die Suche nach Kontrolle
Vielleicht, weil wir es kaum aushalten, dass das Leben so verletzlich ist. Dass Dinge passieren können, die wir nicht verhindern können. Nicht kontrollieren können. Nicht einmal begreifen können. Wenn wir einen Schuldigen finden, fühlt sich alles ein kleines bisschen sicherer an. Dann entsteht dieser leise Gedanke:
„Mir passiert das nicht – ich passe ja auf.“
Doch diese Sicherheit ist trügerisch. Denn das Leben ist nicht immer logisch, nicht immer fair, nicht immer erklärbar. Und das darf uns wütend machen. Das darf uns traurig machen. Das darf uns erschüttern bis ins Innerste. Aber eines dürfen wir nicht verlieren unsere Menschlichkeit. Menschlichkeit zeigt sich im Aushalten dessen, was weh tut.
Die Bibel bringt es so schlicht und gleichzeitig so tief auf den Punkt:
„Freut euch mit denen, die sich freuen, und weint mit denen, die weinen.“
— Römer 12,15
Vielleicht ist genau das unser Auftrag. Nicht alles erklären zu müssen. Nicht alles lösen zu müssen. Sondern einfach: Mitfühlen. Beim nächsten Beitrag. Bei der nächsten Schlagzeile. Beim nächsten Gespräch…. Einfach mal innehalten.
Alles Liebe,
Isabel
